Roger Wagner

14.1.2005 - 26.2.2005

Artist

  • Roger Wagner


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Transformations

Ich glaube, dass die Landschaftsdarstellung so ungefähr das abgegriffenste Thema der Kunstgeschichte  - nebst Frau und Kreuzigung – sein dürfte. Aber nichtsdestotrotz bringen Künstler es immer wieder fertig dem Motiv neue Sichtweisen abzuringen. Sei es nun mittels technischer oder formalistischer Kunstgriffe oder durch eine veränderte Konzeption. Nun, die hier gezeigten photographischen Werke des luxemburgischen Künstlers Roger Wagner sind formal nicht besonders ungewöhnlich, ausser vielleicht im Einzelfall durch ihre schiere Grösse. Und natürlich – das Markenzeichen Wagners schlechthin bestechen sie durch eine unglaubliche Schärfe und technische Perfektion. Aber weder in der Komposition noch in der Kameraführung sind sie besonders auffällig. Nein, das besondere steckt in der philosophischen Herangehensweise. Es ist Beobachtung von Schönheit.

Auffällig ist zunächst, dass die Bilder einen zum Träumen bringen können, obwohl es keine elegischen Landschaftsbilder sind, sondern Ausschnitte von Parklandschaften in extremer Nahsicht. Also eher banal. Aber die Motivwahl verrät auch etwas über die Intentionen des Künstlers. Parklandschaften sind kolonisierte Landschaften, in denen ein natürlicher, spontaner Naturzustand durch einen kultivierten, kontrollierten Zustand, den menschlichen Bedürfnissen angemessen, ersetzt wird. Das heisst, sie reflektieren ein spezielles Konzept vom ästhetischen Aufbau der äusseren Wirklichkeit. Die Motivwahl scheint also durch die Hegelsche Vorgabe des Kunstschönen, das als Offenbarung des absoluten Geistes einen höheren Stellenwert einnimmt als das Naturschöne, bedingt : « Die Kunst nun und ihre Werke, als  aus dem Geiste entsprungen und erzeugt, sind selber geistiger Art, wenn auch ihre Darstellung den Schein der Sinnlichkeit in sich aufnimmt und das Sinnliche mit Geist durchdringt » (Friedrich Hegel).

Aber man täusche sich nicht. Denn Wagner photographiert zwar eine kultivierte Natur, aber es geht ihm nicht um die Parkanlage, sondern er versucht das unmittelbare Schöne in den Dingen selbst festzuhalten - daher die extreme Nähe. Bemerkenswert ist, dass die Dinge im Bezug zum Ganzen und nicht unnatürlich vereinzelt wie auf einem Präsentierteller dokumentiert werden. Und dies gelingt nur mittels der schon erwähnten Präzision und Perfektion, d.h. einer Aesthetik des Illusionismus. Die photographierten Orte und Dinge bekommen hierdurch gleichsam eine Gegenwart, eine Aura. Aber die ist nicht bedingt durch die Präsenz des Photographen, der künstlerischen Hand, sondern durch die Präsenz des Modells, dessen was photographiert wird, durch « das winzige Fünkchen Zufall, Hier und Jetzt…., mit dem die Wirklichkeit den Bildcharakter gleichsam durchgesengt hat » (Walter Benjamin). Es sind Kontemplationen über die Strukturen und Formen der Natur selbst. Sie zeugen von Respekt vor der Integrität und dem eigenen Sein der Dinge.

Das Potential um den Betrachter in seinem Gemüt zu berühren, das was uns träumen lässt, steckt also im Naturschönen. Aber nicht nur. Denn das Naturschöne wird uns in einem künstlerischen Medium, der Photographie, präsentiert. Und dies wirft die Frage nach dem Verhältnis zwischen der Aesthetik der Kunst und der Natur auf – die Crux der Arbeiten Wagners. In der Philosophie herrscht keine Einigkeit darüber ob und wie sie sich unterscheiden. Einige Philosophen verneinen sogar die Existenz einer Aesthetik der Natur. Aber soviel steht fest : Sowohl in der Kunst wie in der Natur bewundern wir neben der Ordnung und Gestaltungskraft das Genie. Die Differenz besteht darin, dass Kunst Menschenwerk ist, und damit unserer eigener Urteilskraft unterliegt. Während die Erfahrung der Natur den Menschen bescheiden werden lässt. Denn letztens ist sie uns unverständlich.

Für den Künstler Roger Wagner ist die Frage nach dem Unterschied eher müssig, denn er steht in der Tradition von Immanuel Kant, für den das Schöne sich in allem manifestieren kann : « Das Schöne ist das, was ohne Begriffe, als Objekt eines allgemeinen Wohlgefallens vorgestellt wird ».

René Kockelkorn